Es ist wieder passiert: Ein Mensch dringt in eine Schule ein, richtet seine Waffen auf Lehrer und Schüler und erschießt sich schließlich selbst. Normalerweise würde ich um diese Geschichten nicht viel geben, da oft großer Sensationsjournalismus drum betrieben wird und das Leid aller Opfer darunter vergessen wird. Aber in diesem Fall hat etwas meine Aufmerksamkeit erweckt. Ein Abschiedsbrief, der sicher bald auch verschwinden wird, wenn man sich ansieht, wie daraus in den Medien zitiert wird. Ich werde einige andere Stellen zitieren.
„Man hat mir gesagt ich muss zur Schule gehen, um für mein leben zu lernen, um später ein schönes Leben führen zu können. Aber was bringt einem das dickste Auto, das grösste Haus, die schönste Frau, wenn es letztendlich sowieso für’n Arsch ist. Wenn deine Frau beginnt
dich zu hassen, wenn dein Auto Benzin verbraucht das du nicht zahlen kannst, und wenn du niemanden hast der dich in deinem scheiss Haus besuchen kommt!“
„Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei! Niemand darf in mein Leben eingreifen, und tut er es doch hat er die Konsequenzen zu tragen!“
Die Psychologen behaupten es läge an der Schule und Schule wäre nunmal manchmal grausam. Die Schüler hätten eine geringere Frustrationstoleranz, dass nur gescheiterte Existenzen zu Amokläufern werden usw.
Was ist denn eine „gescheiterte Existenz“? Jemand der es nicht geschafft hat sich an die Gesellschaft anzupassen oder sich nicht anpassen wollte? Warum ist die Schule denn so grausam? Vielleicht weil es dort nicht um die freie Entfaltung der Schüler geht, sondern darum eng festgelegte Dinge auswendig zu lernen und in eine Form gepresst zu werden, damit man möglichst große Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat? Geringe Frustrationstoleranz… eine Unverschämtheit sowas zu sagen finde ich. Man weiß also, dass etwas schief läuft, aber anstatt etwas zu bessern sagt man nur „stellt euch nicht so an!“ und wer damit nicht fertig wird ist selber schuld. Das ist ja wirklich einfach…
„Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin.“
Wir teilen Druck und Schmerz aus und wenn das ganze irgendwann auf uns zurückreflektiert wird, dann wundern wir uns. Diejenigen, die sich nicht der standardisierten Gesellschaft fügen wollen verfallen entweder in Depression, Alkohol- und Drogensucht, passen sich letztlich doch an, werden durch Psychologen „umgepolt“ oder sie werden einfach zu vergessenen Einsiedlern. Oder es passiert sowas wie hier. Menschen sind eben verschieden und reagieren verschieden auf Druck und Ausgrenzung. Die anderen Fälle sind alle vergessen, es wäre wohl kaum eine Erwähnung wert gewesen, wenn dieser Mensch einfach Selbstmord begangen hätte. Das hätte natürlich trotzdem kein Grund für ihn sein sollen, Gewalt an anderen anzuwenden! Sondern vielmehr sollten alle Menschen auch mal links und rechts von sich gucken, was da noch für andere Menschen sind. Und in sich selbst gucken, ob sie wirklich von innen heraus leben oder sich von aussen definieren lassen und schon längst angepasst sind. Denn wenn kein Platz für alle Menschen ist, dann wird sich das irgendwo entladen.
Freiheit heisst doch nicht, ich darf arbeiten wo man mich lässt, ich darf mir (von meinem begrenzten Geld) kaufen was ich möchte und ich darf Urlaub machen wo ich will. Achja und nebenbei wähle ich dann noch ein paar Politiker, die die wirklich wichtigen Dinge für mich entscheiden, ich möchte ja mein armes Köpfchen nicht zu sehr anstrengen… Ob andere sich diesen Regeln dann nicht unterwerfen wollen ist mir ja egal, wems nicht gefällt, der kann ja so werden wie ich…
Genau so denken leider viel zu viele Menschen…
Und die Konsequenz die wiedermal gezogen wird lauten nur: Mehr Gesetze und mehr Überwachung und mehr Anpassung des Einzelnen an die Gesellschaft. Obwohl genau diese Dinge, diese Einengungen der Auslöser waren. Ich befürchte gerade deshalb werden solche Dinge immer wieder geschehen und das macht mich sehr traurig. Anstatt sich anzuschauen, weshalb ein Mensch überhaupt so denken kann, wird nur wieder oberflächlich irgendwas verboten. Das Problem wird nie an der Wurzel gepackt.
Es ist so einfach einen Schuldigen woanders zu suchen: Ein Wahnsinniger war es; Es ist sehr einfach einem Toten alleine die Schuld zu geben; Es ist ein Einzelfall; Irgendwelche „Killerspiele“ sind schuld; (Ich kenne übrigens ein viel realistischeres Killerspiel) und bestimmt werden noch viele andere Gründe „gefunden“ werden.
Die Wahrheit ist: Ihr seid auch schuld. Wir sind alle schuld.
Solange die Schule nicht da ist, um etwas zu lernen, sondern um einen Job zu bekommen,
Solange eine sehr eng eingegrenzte Art von Lebenseinstellung alle Vorteile in der Welt hat, während alle anderen „abfallen“,
Solange Materialismus und Äusserlichkeiten mehr zählen, als innere Werte,
Solange unsere Gesellschaft geteilt ist in „Gewinner“ und „Verlierer“,
Solange wir unser Denken aufgeben und es einer kleinen Minderheit oder einer kollektiven Dummheit überlassen,
Solange wir nicht mehr zuhören, wie es anderen Menschen geht,
Solange wir alle Angst haben und glauben, irgendwelche staatliche Überwachung und Gesetze könnten uns schützen.
Aber kein Gesetz kann uns vor uns selbst schützen. Kein Gesetz kann andere vor uns schützen. Keine Überwachungskamera kann den gesellschaftlichen Druck aufzeichnen, der uns in eine bestimmte Form drängt und jeden Individualismus im Keim zu ersticken versucht. Kein Politiker, kein Unternehmer, kein Gott und auch sonst niemand, dem wir erlauben uns zu beherrschen, dem wir uns unterwerfen, wird dafür sorgen, dass wir freiere Menschen sein können.
Jetzt zum Schluss möchte ich noch ein Zitat aus dem „Abschiedsbrief“ nehmen, eins welches wahrscheinlich nie den weg in die Medien finden wird, der Text schließt mit
„Als letztes möchte ich den Menschen die mir was bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies Entschuldigen!“
Kein böser Mensch, kein Dämon der aus der Hölle kam und kein Verrückter würde so schreiben, denke ich. Er wusste was er tat, sein Fehler war anzunehmen, er könne nicht mehr anders handeln. (Und er dachte, amn könne mit Gewalt Dinge lösen, was auch aus dem „Brief“ hervorgeht) Niemand ausser er selbst wurde getötet. Jemand, der sowas monatelang plant und übt schießt nicht daneben. Ich glaube, der Täter bekam es da doch nicht übers Herz, jemanden wirklich zu töten. Ich will diese Tat nicht verherrlichen, viele Menschen wurden verletzt und sowas kann ich absolut nicht gutheissen. Aber man sollte aufpassen, was, wen und wie man dämonisiert und verteufelt.
Und man sollte nach Fehlern vor allem auch mal bei sich selbst suchen. Und nicht bei Dingen, die sowas hervorbringen denken „das ist nunmal so und muss so sein“, sondern auch tief in unsere Gesellschaft verankerte Regeln hinterfragen.
a1021
(Anm.: Ich kenne natürlich auch nicht alle Fakten und habe als Quellen, was wirklich passiert ist auch nur die Medien und den besagten Abschiedsbrief.; Ich will das alles auch nicht beschönigen und finde es schrecklich, was passiert ist. Man kann mit Waffengewalt erst recht nichts lösen.)
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